02.10.2016

Ein Fortschritt für die Rentner! Oder etwa doch nicht?

Das neue Gesetz zum flexiblen Renteneinstieg soll es bringen: Da können – denkt sich die Regierung – die Rentner künftig länger arbeiten, ohne wie bisher heftige Abzüge befürchten zu müssen. Damit sei die Tür geöffnet für alte Frauen oder Männer, die ihren Beruf lieben und ihn länger ausüben wollen. (Oder auch – das gibt es leider – ausüben müssen.)

Bisher war es doch so: Mit dem Erreichen des gesetzlichen Rentenalters war Schluß. Da wurde Frau oder Mann zum Renter zwangsweise. Wer dann noch arbeiten wollte, durfte sich irgendwo auf dem Arbeitsmarkt einen einfachen Job suchen, zum Beispiel als Aushilfskellner oder Nachtwächter oder Lagerarbeiter. Aber eine Fortsetzung des qualifizierten Berufs war undenkbar.

Ist das jetzt drin? Und sind diese Probleme gelöst?

Leider nein.

Denn wie bisher sind die Arbeitgeber berechtigt, mit Erreichen des gesetzlichen Rentenalters das Arbeitsverhältnis zu beenden. Niemand kann sie zwingen, Arbeitnehmer darüber hinaus in ihrer angestammten Position zu beschäftigen. Ausserdem sieht die Realität so aus, dass viele Arbeitnehmer bereits früher, also mit 55 oder 60 Jahren, sanft oder unsanft veranlasst werden, ihre Arbeit aufzugeben. Manchen wird das mit finanzieller Unterstützung schmackhaft gemacht. Anderen wird bedeutet, dass sie keine schöne Zeit am Arbeitsplatz erleben werden, sollten sie sich für das  Weiterarbeiten entscheiden.

Praktisch wird sich also nicht viel ändern: alte Arbeitnehmer – zumal in qualifizierten Job – werden auch künftig die Ausnahme bleiben.

Die Wirklichkeit in der deutschen Arbeitswelt bevorzugt immer noch die Jungen und benachteiligt die Alten. In meinem Buch „Aussortiert und abkassiert“ schildere ich den Fall eines Arbeitsuchenden. Der sieht eine Stellenausschreibung, die ihn interessiert. Da er aber bereits über 50 Jahre alt ist und einige Absagen kassiert hat, probiert er einen Trick aus. Er bewirbt sich zunächst mit seinem tatsächlichen Alter und zugleich mit einem anderen Namen, aber scheinbar zwanzig Jahre jünger. In beiden Bewerbungen vollkommen identische Qualifikationen. Tatsächlich wird nur dem „Jüngeren“ ein Vorstellungsgespräch angeboten. Das musste der Mann aus naheliegenden Gründen absagen, er wollte einfach beweisen, dass es Altersdiskriminierung in der Arbeitswelt gibt, obwohl offiziell alle bestreiten, dass sie existiere. Der Beweis ist ihm gelungen. Die Arbeit blieb ihm vorenthalten.

Zusammengefasst: Es gibt ein neues Gesetz zum Renteneintritt. Schon ganz gut. Aber vor Diskriminierung alter Arbeitnehmer schützt es nicht.

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