10.03.2016

„Dich brauchen wir nicht mehr!“ Diskriminierung im Alter par Excellence

Diskriminierung wegen des Alters ist verboten. Weder Junge noch Alte dürfen im Blick auf ihr Geburtsdatum schlechter als andere behandelt werden. Das ist nicht nur eine Sache des Anstands und der Menschlichkeit, mittlerweile ist das amtlich. Es ist Gesetz. Wobei sich das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz aus dem Jahr 2006 auf einige Bereiche beschränkt. Da geht es um das Arbeitsrecht und um Teile des Zivilrechts, aber es findet zum Beispiel keine Anwendung auf Ehrenämter. Jetzt will ich prüfen: Wird dieses Gesetz ernst genommen und befolgt? Und wie geht man mit Senioren außerhalb des Geltungsbereichs um? Wie behandelt man alte Menschen im Alltag?

Bringen wir es auf den Punkt: Jung ist gut. Alt ist schlecht. So einfach sieht es aus, das Weltbild vieler jüngerer Menschen. Obwohl doch viele Junge wissen müssten, dass sie selber irgendwann alt sein werden. Das hält sie nicht ab. Manche von ihnen flüchten sich in die selbstzerstörerische Aussage: „Bevor ich so alt werde wie du, bringe ich mich lieber um.“ Na, warte ab!

Alt ist schlecht. Das ist nicht nur ein folgenloses Vorurteil oder eine zu verurteilende Haltung im zwischenmenschlichen Umgang. Alte werden benachteiligt, diskriminiert, schlecht behandelt – und zwar ganz direkt und offensiv, manchmal aber auch scheinrational, angeblich ökonomisch begründet, scheinbar mit Zahlen unterfüttert. Alt wird als Ersatzwort genommen für schwach. Für arm. Für nicht leistungsfähig. Für dümmlich.

Altersdiskriminierung gibt es schon lange. Sie durchdringt die moderne Gesellschaft. Sie ist so weit verbreitet, dass sie den Opfern oft nicht bewusst wird. Das ist aber kein Grund, wegzuschauen.

Zunächst einmal rein formal: Gegen das Gesetz zur Gleichstellung wird in den geschilderten Fällen nicht verstoßen. Denn es lässt die Lücke, bei individuell auszuhandelnden Verträgen solche Kriterien wie das Alter als Ausschließungsgrund zu benennen. Und die Kreditinstitute nutzen ihre Chance. Sie sagen, bei Fällen wie den geschilderten handele es sich nicht um die sogenannten Massenverträge. Sondern um individuelle Vereinbarungen. Also darf aus Altersgründen abgelehnt werden.

Und jetzt aber mal nicht formal, sondern aus menschlicher Sicht: Natürlich ist das Diskriminierung. Die Betroffenen fühlen sich, wenn sie sich solchen Begründungen ausgesetzt sehen, miserabel. Sie empfinden eine Zurücksetzung. Sie sind empört – und das zu Recht.

In all diesen Fällen werden ökonomische Gründe vorgeschoben. Alte seien unsichere Vertragspartner. Unausgesprochen steht da das Vorurteil, man könne sich nicht sicher sein, ob die Senioren noch die nächsten Tage erleben würden. Das mache sie zu unsicheren Vertragspartnern. Was für ein Unsinn! Denn es ist erwiesen und offensichtlich, dass die Menschen immer älter werden. Bei Neunzigjährigen schaut keiner mehr hoch, so zahlreich sind sie. Hundertjährige sind keine Seltenheit. Und da will man 70jährige von Vertragsabschlüssen ausschließen? Widersprüchlich und unlogisch, vor allem aber empörend!

Es ist letztendlich auch aus Sicht der Unternehmen ungeschickt. Wer diskriminiert wurde, vergisst das nicht so leicht. Er redet darüber mit Verwandten und Bekannten. Er nennt Namen, Ross und Reiter. Es spricht sich also herum, bei welcher Bank oder Sparkasse ältere Kunden nicht willkommen sind. In diesen Zeiten, da neue junge und unorthodoxe Finanzinstitute auf den Markt drängen und nach Kunden Ausschau halten, ist das gefährlich für die etablierten Institute. Gefährlich und dumm.

Deswegen rate ich auch bei solchen Erfahrungen zum Widerspruch. Entweder laut und empört direkt am Tresen der Bank. Das können die Banker gar nicht leiden. Lautstärke schadet dem Ruf. Allerdings ist es nicht jedem gegeben, „auf den Putz zu hauen“. Gerade Alte sind eher schüchtern und still. Aber auch dann geht es, zum Beispiel mit der Bitte um ein Gespräch beim Vorgesetzten. Ausgerüstet mit guten Argumenten. Und mit dem dezenten Hinweis, dass es sich herumsprechen könnte, wie mit Kunden umgegangen wird. Schließlich können Alte auch die sozialen Medien nutzen. Eine Schilderung bei Facebook kann schnell viele andere Betroffene versammeln. Gemeinsam sind sie stark. Das ist es, was Banken besonders fürchten: die Aufmerksamkeit, die Öffentlichkeit, den schlechten Ruf (einen richtig guten haben sie ja ohnehin nicht).

Hier hätte zum Beispiel das Herstellen von Öffentlichkeit geholfen: Der Fall des Ehepaars aus Westdeutschland, das sich eine Villa in Thüringen gekauft hat. Beide unter 60 Jahre alt. Beide frühpensioniert. Beide mit Renten, die höher sind als manche Gehälter von arbeitenden Menschen. Also: eigentlich gute Kunden für jedes halbwegs ökonomisch denkende Finanzinstitut. Die Villa kann das Paar aus eigenen Mitteln bezahlen. Für die notwendige Renovierung fragen sie bei der örtlichen Sparkasse nach einem Kredit. Eine Zwischenbemerkung: Wenn es um die Instandsetzung für ein aus eigenen Mitteln bezahltes Haus geht, ist ja eine Sicherheit da, falls der Kredit aus welchen Gründen auch immer nicht bedient werden sollte. Null Risiko also.

Die Antwort der Sparkasse ist ein klares Nein. Eine Finanzierung sei nicht möglich, weil die Laufzeit des Kredits über den 70. Geburtstag der Antragsteller hinausgehen würde. Klartext: Ihr seid zu alt, wir wollen Euch nicht. Die Antragsteller sind sauer, auch deshalb weil sie sich von einer Sparkasse, also einem öffentlich-rechtlichen Institut, wegen ihres Alters benachteiligt fühlen. Und dann auch noch die drastische verbale Abfuhr durch die Sachbearbeiterin, nachdem das Paar sich beschwert hatte: „Das stört die Alten in Ostdeutschland nicht, die akzeptieren das.“ Gemeint ist: „Wenn Ihr Wessis glaubt, ihr seid was Besseres, dann habt Ihr Euch getäuscht.“ Eine doppelte Diskriminierung. Wenn die Betroffenen das zum Beispiel bei Facebook veröffentlicht hätten, wären die zitierten „Alten in Ostdeutschland“ vermutlich auf die Barrikaden gegangen. Einen Versuch wäre es wert gewesen, auch wenn die Gegenseite nicht nachgegeben hätte.

Diese Fälle sind zahlreich. Sie betreffen ausschließlich die sogenannten „kleinen Leute“, die Normalos. Wenn die Vermögenden kommen, ändert sich sofort der Ton. Da gibt es in Banken und Sparkassen das Erste-Klasse-Abteil, genannt „Private Banking“. Wer genug Geld mitbringt, darf in diesem Separee Platz nehmen. Dann wird nicht nach dem Alter gefragt, sondern bei Kaffee und Gebäck wohlwollend über anstehende Geldgeschäfte gesprochen, natürlich auch über Kredite. Alles ganz normal. Es werden eben Unterschiede gemacht. Das heißt: Die Diskriminierung findet bei jenen Alten statt, die nach herkömmlichen Maßstäben zur Unter- und Mittelklasse zählen. Die jahrzehntelang glaubten, man schätze sie als Kunden. Sie werden bitter enttäuscht. 

Kommentare

  • Martin B. 24. Juli 2016

    Erschreckend? Oder erwartungsgemäß? – Nachdem ich nun monatelang (alle Urlaube der letzten Dekade zusammengerechnet) kreuz und quer durch Asien gereist bin, tiefe Einblicke in unterschiedlichste Kulturen, Familienleben und Gesellschaft bekommen habe, werde ich das dumpfe Gefühl nicht los, dass ausgerechnet in Ländern, die wir im Westen gern als etwas unterentwickelt bezeichnen, die Familie als Rückhalt noch funktioniert – der Staat tut’s ja nicht – und Alte einen ganz anderen (höheren) Stellenwert in der Gesellschaft haben als hier. Und überhaupt, ist das Zusammensein in der Gesellschaft ein anderes als bei uns, wo viele nach getaner Arbeit einfach die Tür hinter sich zuziehen. „Warum sollte man sich denn noch um die Alten kümmern, man hat doch schon in die Rente gezahlt und damit seinen Beitrag für die Gesellschaft geleistet? So hat’s der Staat uns doch versprochen“

    Unterschiedliche Bräuche und Verhaltensweisen im gesellschaftlichen Zusammenleben werden meiner Meinung nach motiviert durch unterschiedliche Wertesysteme. Natürlich kann das nicht funktionieren, sich spontan zum Beispiel buddhistische Grundwerte wie Großzügigkeit und gegenseitige Hilfe einfach überstülpen. Ja, möglicherweise sind sie sogar komplett inkompatibel mit uns, wo doch Unabhängigkeit, Individualität und Stärke als etwas Gutes gilt, Eigentum groß geschrieben wird. Was mir vor meinen Reisen nie klar war: Gut und Böse können in anderen Kulturen regelrecht entgegengesetzt definiert sein, als hier bei uns. Wenn ich da plötzlich meinem Nachbarn einen neuen Kühlschrank hinstelle, weil sein alter defekt ist, mit den Worten: „Weißt Du was? Ich kann’s mir gerade leisten. Hier hast Du einen neuen. Irgendwann bin ich auch mal in Not, und dann wird schon jemand anderes helfen.“ – dann wird man mich wahrscheinlich für komplett „plemplem“ erklären. Ich hoffe nicht, dass ich dann auch noch in das Radar des Verfassungsschutzes gerade, weil das alles viel zu „anarchistisch“ ist. Gegenseitige Hilfe – wo kämen wir denn da hin?

    Sehr vereinfacht könnte man fast annehmen, da wurden jede Menge Keile zwischen die Familien und zwischen die Gesellschaft getrieben, verkauft den Frauen es möglicherweise noch als Freiheit, dass sie nicht mehr am Herd und im Kinderzimmer, sondern am Fließband stehen dürfen, schafft Mehrgenerationen-Haushalte ab, senkt das allgemeine Lohnniveau so weit ab, dass ein Normalverdiener alleine eine Familie auch gar nicht mehr durchfüttern kann und letztlich alle arbeiten müssen und jeder sich nur noch um sich selbst kümmert. Und wundert sich über geringe Geburtenraten… 🙂 Man mischt sich scheinbar so lange ein, bis der Zusammenhalt komplett zerbröselt – so entstehen auch keine ungewollten Seilschaften! Man hilft noch nach, indem man weiter segmentiert, zwischen arm und reich, jung und alt, privilegiert und nicht privilegiert, produktiv und unproduktiv, ihnen die Label „gut“ und „böse“ aufdrückt, schottet sie voneinander ab, um Unverständnis und Missgunst zu schüren. Also, so hat das wirklich niemand gewollt! Natürlich nicht! Aber irgendwie ist das Ergebnis doch trotzdem zustande gekommen, oder etwa nicht? Da kommt mir der Satz in den Sinn: Das Gegenteil von gut ist… gut gemeint.

    Ich glaube kaum, dass das Herumschrauben an irgendwelchen Strategien, Gesetzen und Vorschriften uns als Gesellschaft in annehmbarer Zeit noch sehr viel weiterbringt.

    Man sagt, dass die Geburtenrate irgendwie mit dem Bildungsniveau korreliert. Das mag statistisch gesehen auch stimmen. Aber ist es nicht auch wahrscheinlich, dass wie überall in der Natur die Population eher anwächst, wenn das Milieu die entsprechenden Lebensbedingungen bietet, und zurück geht und schließlich komplett verschwindet, wenn die Bedingungen für die Nachkommen eher schlecht oder eben nicht gegeben sind? Wenn ich eine Ladung Beton in meinen Vorgarten kippe, brauche ich mich nicht zu wundern, dass die Rasenpopulation plötzlich zurückgeht.

    Zurück nach Asien. Ich picke nur drei Beispiele heraus:

    Taiwan. „Hier werden Ausländer eher besser behandelt, als dass man den eigenen Alten über die Straße hilft,“ so hat es mir dort die befreundetete Soziologin im Gespräch bei einer Tasse Kaffee berichtet. Eigene Erfahrungen und Beobachtungen auf der Straße bestätigen das immer wieder. Taiwan scheint eines der westlichsten Länder in Asien zu sein, die ich bereist habe. Dass Ausländer dort so gut behandelt werden, hängt möglicherweise mit deren Gründungsgeschichte zusammen, und den Grundwerten, die Dr. Sun Yat-Sen zur Sicherung der Existenz Taiwans aufgelistet hat.

    China. Menschen bleiben traditionell in ihrer Elternfamilie wohnen, bis sie verheiratet sind. Selbst noch als 45-jährige Singles. Doch der Ruf nach Freiheit wird größer, ich höre immer öfter Sätze wie „Meine Eltern haben mich lange genug besessen. Ich will endlich mein eigenes Leben leben – und zwar am liebsten so, wie ich es aus dem Fernsehen über den Westen kenne. Mit Parties, Autos, einer eigenen Villa und Markenklamotten – und Autobahnen“. Dann lese ich irgendwann in der Zeitung „Millionen von Alten leben vereinsamt in ihren Single-Wohnungen, trauen sich nicht mehr allein auf die Straße, weil sie es vielleicht auch körperlich oder geistig nicht mehr alleine schaffen“ vor allem auch in boomenden Städten wie Shanghai. Irgendwo anders schnappe ich ein Umfrageergebnis auf: Ein Großteil der Vorstellung der jungen Chinesen über den Westen ist durch das westliche Serienfernsehen geprägt.

    Thailand, das „entwicklungsbedürftigste“ Land von diesen drei Beispielen: Da tobt die 3-jährige um das Sterbebett der Ur-Oma. Einige Familienmitglieder aus verschiedenen Generationen sind anwesend. Um sich gegenseitig aufzumuntern erzählt man sich Witze. Ich bin verblüfft, wie locker die miteinander umgehen können, angesichts des Todes. Ein wesentliches Element, welches die Gesellschaft und die Familien zusammenhält ist das Prinzip der Großzügigkeit und gegenseitigen Hilfe. Wenn einer Hilfe braucht, und ein anderer sie leisten kann, dann tut er es. Im Gegenzug wird ihm auch aus dem Schlamassel geholfen, wenn er es mal nötig hat. Genauso kann man sich auch blitzschnell aus der Gesellschaft herauskatapultieren, indem man Hilfe ständig verweigert und niemals etwas gibt, oder möglicherweise auch noch betrügt, um sich am Schaden anderer zu bereichern. Die Enkeltochter, eine befreundete Lehrerin für Geschichte und Kultur mit der ich sechs Wochen lang von einem historischen Platz zum nächsten (in Thailand und Laos) reisen darf, die mir Einblicke in das Treiben an ihrer Uni gewährt, mich zu traditionellen Festen mitnimmt und einigen Stammesoberhäuptern verschiedener ethnischer Gruppen vorstellt , erklärt: „die Kinder sind den Eltern zu ewigem Dank verpflichtet, dass sie sie aufgezogen und in allen Lebenslagen bis hierher unterstützt haben. Je älter ein Mensch, umso höher ist in der Regel sein Ansehen in der Gesellschaft. Je mehr ein Mensch anderen hilft, umso mehr steigt sein Ansehen. Vor Lehrern und Ärzten macht man auf der Straße eine tiefe Verbeugung als Zeichen des Respekts, natürlich auch ganz besonders vor den Mönchen und anderen für die Gesellschaft wichtigen Menschen.“ – Dann der Satz: „Viele träumen aber auch von einem besseren Leben. Ich auch.“ Ich frage nach, was das bedeutet und wie das aussehen könnte. „Besseres Leben heißt, so wie ihr im Westen habe ich ein eigenes Haus mit Garten, ein eigenes Auto, und wann immer ich mir etwas kaufen will, tue ich es einfach.“ – Und dabei gibt es dort doch alles zu kaufen. Eine andere Freundin, Krankenschwester in einer anderen Stadt, erzählt mir besorgt: „Im Ganzen Land verschulden sich junge Menschen, weil sie gerne mehr hätten als sie wirklich brauchen und sich leisten können. Teilweise lassen sie für ihre Selbstständigkeit sogar ihre Familie links liegen. Mit steigender Tendenz.“ Und in der Tat: Vier Jahre später hat die Geschichtslehrerin ihr Auto, ihr Haus mit Garten und besucht ihre 30 km entfernt wohnenden Eltern auch nur noch alle paar Wochen statt alle paar Tage – natürlich alles kreditfinanziert.

    Wenn also unser Serienfernsehen in diesen Ländern scheinbar wirkt, wie eine 45-minütige Dauerwerbesendung und daraus der feste Glaube entsteht „der Westen ist das mit allen Mitteln anzustrebende Paradies auf Erden“. Wie bekommen wir dann die Wahrheit ins Fernsehen? Müssten wir sie nicht warnen, dass „Entwicklung“ im westlichen Sinne, unter Umständen mit einem gesellschaftlichen Rückschritt einhergehen kann? Haben wir nicht die Pflicht, denen mitzuteilen, dass die Auswirkungen ursprünglich gut gemeinter Pläne, alles andere als erstrebenswert sind? Natürlich liegt es nicht im Konzerninteresse, negative Folgen und Gefahren aufzuzeigen – hauptsache es wird fröhlich weiter konsumiert.

    Man muss sich nicht wundern. Kleiner Exkurs in die Welt der Nachrichten: Vor zwei, drei Wochen waren Online-Nachrichtenseiten, wie Tagesschau.de, aber auch sehr viele andere, geflutet mit Meldungen über Russland und Putin und „Säbelrasseln“. Es interessierte mich nachzulesen, wie es andere sehen und bewerten. ABC Australien. Hier ging es zu der Zeit hauptsächlich um eine unentschieden ausgegangene Wahl, von Europa und Russland kaum eine Spur. CCTV China. Hier wird es interessant. So, wie die Tagesschau-Homepage überflutet war mit Meldungen über Russland, war deren Homepage zu dem Zeitpunkt überflutet mit Meldungen über die Philippinen. Hier gab es seitenweise Informationen darüber, dass die Philippinen so „dreist“ waren, vorzuschlagen, ihre Seerechte vor der Philippinischen Küste auszuhandeln und ein für alle mal klar zustellen. Die Chinesen holen eine 2000 Jahre alte Landkarte aus der Schublade und sagen: „Quatscht uns nicht die Ohren voll. Darüber brauchen wir uns gar nicht zu unterhalten. Das hat doch schon immer uns gehört. Sieht man doch auf der Karte.“ Woanders schnappe ich noch auf, dass die Amerikaner mit ein paar Schiffen im besagten Seegebiet patrouillieren, worüber die Chinesen nicht sonderlich erfreut sind – während in den Japanern die Idee aufkeimt, den Philippinern vorzuschlagen „eigentlich könnten wir doch mal gemeinsam ein militärisches Manöver auf hoher See durchführen – wär das nicht toll?“. Thailand kauft zwei U-Boote, um die möglicherweise vorhandenen Schätze vor der eigenen Küste besser zu schützen – wirklich vor Piraten? Einen Herrn Putin kennen die dortigen Medien jedenfalls scheinbar gar nicht. Abschließende Frage: Wie viel wissen wir denn darüber, was dort geschieht? Exkurs zu Ende.

    Zurück nach Deutschland: Ich sehe eine Chance für Verbesserungen, allerdings besteht die nicht darin, am Symptom herumzudoktern.

    Ein Wertewandel findet scheinbar ständig statt – überall wo ich hinsehe. Ich vermute fast, dass die Spaltung ein globaler Trend ist. Ja, bezeichnen Sie mich ruhig als paranoid – wenn’s hilft 🙂

    Wenn meine These stimmt, dass Werte die Richtung weisen von Strategien und Verhaltensweisen, und ein unerwünschtes Ergebnis dabei herauskommt, sollte man die herrschenden Werte vielleicht mal grundsätzlich hinterfragen.

    Wie ändern sich Werte eigentlich? Eine Theorie besagt: Ein System bringt neue Werte hervor, sobald es darum geht, Missstände abzuschaffen und in Zukunft zu vermeiden. Sollte man sich also einfach zurücklehnen und abwarten, bis eine Schmerzgrenze überschritten wurde? Frei nach dem Motto: Die Zeit wird’s schon richten.

    Andererseits: haben wir jetzt nicht gerade DIE Chance von fremden Kulturen zu lernen und gemeinsam etwas Neues, nie Dagewesenes zu konstruieren und auszuprobieren? Möglicherweise sollten wir sie ergreifen, statt am alten Spalten festzuhalten. (das reimt sich aber schön! 🙂 )

  • Christine H.-P. 24. April 2016

    Sehr geehrter Herr Opoczynski,
    danke, dass Sie sich des Themas annehmen. Ich bin ausgebildete Bankkauffrau/ Bankfachwirtin (mit Abitur), 51 Jahre alt und finde keinen Job mehr! Knappe 20 Jahre war ich in ungekündigter Stelle, schied dann auf eigenen Wunsch aus einer Großbank aus. Nun bin ich zu alt und zudem Frau. Geht scheinbar in Deutschland beides nicht mehr, obwohl andererseits immer wieder bekräftigt wird, dass die heutige 50’er Generation eigentlich ja die ’neuen‘ 40’er wären.
    Bewerbe mich in München ‚rauf und runter‘ und bekomme nur Absagen oder erst gar keine Antwort.
    Mittlerweile fühle ich mich tatsächlich diskriminiert.
    Vermutlich wird das Thema aber in Zukunft nicht besser – eher verschärft sich die Lage am Arbeitsmarkt. Gerne würde ich mich entsprechenden Initiativen anschließen, die sich diesem Thema annehmen.
    Mit vielen Grüßen
    Christine H.-P.

    • Martin B. 24. Juli 2016

      Christine, zu der Zeit als ich meine Ausbildung gemacht habe (ab 1991), da galt über 40 schon als „schwieriges“ Alter am Arbeitsmarkt – schon fast zu alt zu wechseln und auf jeden Fall schon schwerer zu vermitteln. Zumindest aus Sicht einiger unserer damaligen Berufsschullehrer. Gilt dann nach dieser Logik auch, dass die heutige 40er Generation zu den neuen 30ern gehören?

      Jetzt werden bei uns intern tolle neue Stellen ausgeschrieben, mit der Angabe „Unsere Anforderungen an Dich: Du bist jung und belastbar [..]“, in der kleingedruckten Fußnote steht dann „vorerst befristet auf 2 Jahre“, und ich stelle mir die Frage, bis zu welchem Alter man eigentlich noch als jung gilt, und ob ich mit 46 schon die Grenze überschritten habe. Seit ein paar Jahren stand da immer nur die Zeile „befristet auf 2 Jahre“, das „jung und belastbar“ ist mir jetzt neu, aber meiner Meinung nach impliziert beides automatisch „für die unbefristeten Altverträge nicht interessant“ – wer würde das riskieren, intern von einer unbefristeten in eine auf 2 Jahre befristete Stelle zu wechseln? Letztendlich bekomme ich dann mit, wie sie sich für diese Stellen junge Uni-Absolventen ins Haus holen, die es nicht selten als Karrieresprungbrett nutzen und uns schnell wieder verlassen. Ich wage es natürlich garnicht erst, mich nach fast 20 Jahren am selben Schreibtisch zu verbessern. Eigentlich sollte man da mal mit der Faust auf den Tisch hauen und seinen Unmut kundtun. Mache ich aber nicht – lieber zahle ich doch erst das Darlehen für meine Eigentumswohnung an die Volksbank komplett zurück, als das zu riskieren.

      Sind das nur interne Ausschreibungen aus formellen Gründen, hinter denen eigentlich nicht die Intention steckt, interne Leute anzuwerben? Wer von den älteren Kollegen weiterkommt und unbefristet bleibt wird persönlich angesprochen und versetzt oder befördert, aber meist nicht in zuvor ausgeschriebene Stellen, sondern in ganz andere Positionen.

      Weiterhin viel Glück!

      • Martin B. 24. Juli 2016

        P.S. Ich möchte noch ergänen: Einmal habe ich es doch gewagt, mich nach einer dieser Stellen zu erkundigen, bei denen keine Befristung angegeben war. Da war ich 42. Damals hat mich gleich der Geschäftsführer zu sich zitiert und mir empfohlen: „sehen Sie sich doch mal an, und stellen sich die Frage: Was wollen Sie denn noch im Leben erreichen? – Kommt nicht in Frage: Ich hole mir drei junge Leute von der Uni.“ Heute ist er selbst nicht mehr in dieser Firma. Offiziell hieß es, er geht ab jetzt sofort in Rente. Plötzlich war er weg. Dass er heute sein eigenes Geschäft in einer anderen Stadt weiterführt, spricht meiner Meinung nach irgendwie dagegen, dass die Begründung stimmt.

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