24.10.2016

Altersdiskriminierung im Alltag – von „nett gemeint“ bis „ganz bewusst“

Mitte Oktober: Zur Lesung mit meinem Buch „Aussortiert und Abkassiert“ bin ich in Freigericht, einer kleinen Stadt nicht weit von Frankfurt. Die „Alte Kapelle“ ist gut besucht. In der Diskussion am Ende melden sich viele Besucher und schildern eigene Erfahrungen zum Thema Altersdiskriminierung.

Einer, ein wacher und als Autor noch sehr aktiver 70jähriger, berichtet vom jüngsten Arztbesuch. „Nun legen Sie sich mal schön hin“, sagte die Sprechstundenhilfe und zeigte auf die Liege im Sprechzimmer. Er ist empört. Diese kindliche Tonfall, der Fürsorge zeigen soll, ist nicht sein Ding. „Mit meinem Alter verband die junge Frau sofort den Sprachstil für Kinder.“ Andere Anwesende nicken. Auch ihnen sei es schon so ergangen. Das Alter wird wohl von vielen Jüngeren mit generellem Alzheimer verbunden. Eine individuelle Zuwendung sieht anders aus.

Dann meldet sich ein Ehepaar. Sie wollten bei einer Auslandsreise einen Wagen mieten. Der Angestellte am Schalter blickte in den Führerschein des Mannes und schüttelte bedauernd den Kopf: Für über 75jährige gibt es keinen Mietwagen. Da kann einer noch so wach und sicher als Autofahrer sein und seit Jahrzehnten unfallfrei fahren – nein, kein Auto.

Inzwischen habe ich recherchiert. Es stimmt. Bei den Autovermietern gibt es Höchstalterregeln, je nach Land unterschiedliche. Manche verlangen ein ärztliches Attest, andere eine Bestätigung der Versicherung über unfallfreies Fahren in den letzten Jahren. Schließlich lassen sich einige Vermieter das Alter per „Erschwerniszulage“ bezahlen.

Na gut. Aber wie ist das mit den Politikern? Die dürfen antreten bis ins hohe Alter und erst, wenn sie selbst zu der Erkenntnis gelangen, dass es reicht,  kandidieren sie nicht mehr. Der Bundespräsident, gut in den Siebzigern: nur zu gerne hätten viele seine zweite Amtszeit gesehen. Der Finanzminister, 74 Jahre alt: er verwaltet einen mehrere hundert Milliarden Euro schweren Haushalt. Niemand käme auf die Idee, seine Handlungsfähigkeit anzuzweifeln. Er wird wohl auch dem nächsten Bundestag und vielleicht auch der nächsten Regierung angehören.

Tja, es gibt eben Unterschiede.

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